Geschichte der Stiftung
Die Geschichte der Stiftung beginnt mit einer Initiative von Eltern, die mit einem konkreten Problem konfrontiert waren: Es fehlten geeignete Betreuungsplätze für ihre Kinder mit Unterstützungsbedarf. Bis dahin wurden die Kinder im Sonnenhof in Arlesheim betreut. Da der Sonnenhof jedoch primär als Kinderheim ausgerichtet war, bestand keine Anschlusslösung für die Zeit nach dem 18. Lebensjahr.
Es wurde daher notwendig, neue Wege zu finden. Auf Initiative dieser Eltern wurde 1964 der Elternverein des Sonnenhofs gegründet. Mit grossem Engagement und Mut setzte sich der Verein für neue Lösungen ein. In der Folge entstanden zunächst das Haus Sonnmatt in Langenbruck und später das Haus im Rebgarten in Oberwil. In dieser Zeit wurden zahlreiche Institutionen gegründet, vielfach mit Unterstützung des Sonnenhofs.
Da der Sonnenhof eine anthroposophisch geprägte Institution war, orientierten sich auch die neu entstandenen Einrichtungen in ihrem Betreuungsansatz an der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie.
Wandel der Behindertenhilfe
Die Behindertenhilfe befindet sich seit Jahrzehnten in einem grundlegenden Wandel. Moderne Ansätze stellen den Menschen mit Unterstützungsbedarf konsequent in den Mittelpunkt, verstehen Barrieren als gesellschaftliches und systemisches Problem und definieren Selbstbestimmung als zentrales Prinzip.
Diese Entwicklung wurde insbesondere durch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) gestärkt. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und von der Schweiz am 15. April 2014 ratifiziert; es trat am 15. Mai 2014 in Kraft.
Die UN-BRK versteht Behinderung nicht als individuelles medizinisches Defizit, sondern als Menschenrechtsfrage. Menschen mit Behinderungen werden nicht länger als passive Empfänger von Fürsorge betrachtet, sondern als aktive Träger von Rechten. Inklusion wird dabei als universelles Menschenrecht verstanden, das Teilhabe, Selbstbestimmung und Nichtdiskriminierung in allen Lebensbereichen gewährleistet.
Veränderungen im Bereich der anthroposophischen Ausbildung
Auch Institutionen mit anthroposophischem Hintergrund befinden sich seit Jahren in diesem Wandel. Gleichzeitig haben sich die Ausbildungsstrukturen deutlich verändert. Seit über zwei Jahrzehnten existieren nur noch wenige umfassende anthroposophische Ausbildungen im Bereich der Heilpädagogik und Sozialtherapie.
Frühere Ausbildungen vermittelten zentrale Grundlagen wie anthroposophische Anthropologie, Sinneslehre, diagnostische Modelle und spezifische Methoden der Begleitung. Diese Kompetenzen waren Voraussetzung für die praktische Umsetzung im Berufsalltag.
Heute ist die Höhere Fachschule für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialpädagogik und Sozialtherapie (HFHS) in Dornach die einzige verbliebene Institution in der Region mit entsprechender Ausrichtung. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch nicht mehr auf einer ausschliesslich anthroposophischen Lehre, sondern auf einer Verbindung von aktuellem wissenschaftlichem Fachwissen mit einzelnen Vertiefungen in anthroposophischer Menschenkunde.
Gleichzeitig stellen andere Ausbildungswege – insbesondere die Ausbildung zur Fachfrau bzw. zum Fachmann Betreuung sowie Studiengänge der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen – heute den Regelfall dar. Dies führt im Berufsalltag zu einem spürbaren Mangel an Fachkräften mit fundierter anthroposophischer Ausbildung.
Festzuhalten ist: Eine konsequente Umsetzung anthroposophischer Heilpädagogik und Sozialtherapie ist ohne entsprechendes Fachwissen kaum möglich. Gleichzeitig verfügen viele der noch tätigen Fachpersonen mit anthroposophischem Hintergrund über Ausbildungen, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen und deren Wissensstand nicht immer den heutigen fachlichen Entwicklungen entspricht.
Spannungsfeld und Perspektiven
Die heute noch anthroposophisch geprägten Institutionen stehen vor der Aufgabe, ihre Tradition mit den Anforderungen einer modernen, inklusiven Gesellschaft zu verbinden. Es zeigt sich eine klare Bewegung weg von einer eher abgeschlossenen Sonderpädagogik hin zu mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Öffnung.
Dabei treten auch Spannungsfelder zutage: Die anthroposophische Heilpädagogik betont traditionell stärker Gemeinschaft, Schutzräume, strukturierende Lebensformen und spirituelle Deutungsansätze. Demgegenüber stellt die moderne, empirisch fundierte Soziale Arbeit – insbesondere im Kontext der UN-BRK – die Individualität, Autonomie und gesellschaftliche Teilhabe des Einzelnen in den Vordergrund.
Diese unterschiedlichen Perspektiven spiegeln verschiedene Weltanschauungen und kulturelle Hintergründe wider. Eine zeitgemässe Praxis erfordert daher eine offene und integrative Haltung, die nicht an einem einzigen Ansatz festhält, sondern unterschiedliche Zugänge reflektiert miteinander verbindet.
Dabei erscheint es sinnvoll, zentrale Qualitäten der anthroposophischen Tradition zu bewahren – etwa Achtsamkeit, Beziehungsgestaltung, Rhythmus, Naturbezug und handlungsorientierte Pädagogik. Gleichzeitig ist eine kritische Distanz gegenüber einzelnen Konzepten notwendig, die aus heutiger fachlicher und ethischer Sicht schwer vereinbar sind, etwa starre Typologien oder karmische Deutungsmuster.
Bedeutung für die Stiftung Inlumine
Für die Stiftung Inlumine bedeutet dies, dass kein Entweder-oder im Vordergrund steht, sondern ein Sowohl-als-auch. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse, Wünsche und Lebensentwürfe der Menschen mit Unterstützungsbedarf leitend sind.
Die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie haben in ihrer über hundertjährigen Entwicklung zahlreiche wertvolle Ansätze hervorgebracht, die bis heute wirksam sind. Dazu gehören unter anderem:
- Künstlerische Therapien wie Malen, Musik, Plastizieren und Sprachgestaltung
- Die Bedeutung von Rhythmus und Wiederholung im Alltag
- Der Einsatz anthroposophischer Heilmittel
Viele dieser Elemente sind weiterhin sinnvoll und bieten den Menschen in der Stiftung Orientierung und Halt. Sie können dort beibehalten werden, wo sie unterstützend wirken.
Gleichzeitig gewinnen neue Ansätze der modernen Behindertenhilfe an Bedeutung, insbesondere:
- Sozialraumorientierung
- Personenzentrierung
- Inklusives Wohnen und Arbeiten
- Assistenztechnologien und Digitalisierung
- Barrierefreiheit
- Empowerment
- Leichte Sprache
Moderne Behindertenhilfe ist geprägt von einem grundlegenden Paradigmenwechsel: weg von Fürsorge, hin zu Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion.
Vor diesem Hintergrund sollte es keine Denkverbote geben. Vielmehr geht es darum, alle Ansätze einzubeziehen, die zur Lebensqualität und Selbstbestimmung der begleiteten Menschen beitragen.
Bezug zu Rudolf Steiner
Auch im Sinne von Rudolf Steiner kann dieser Entwicklungsprozess als folgerichtig verstanden werden. Seine Konzeption der Heilpädagogik war nicht als starres System gedacht, sondern als offene, entwicklungsfähige und beziehungsorientierte Praxis.
Zentrale Aspekte seines Verständnisses sind:
- die Begegnung mit dem Menschen jenseits eines Defizitblicks
- die konsequente Orientierung am individuellen Lebensweg
- die soziale Einbindung in Gemeinschaft
- die Weiterentwicklung durch praktische Erfahrung
- eine grundsätzliche Offenheit gegenüber verschiedenen Fachperspektiven
Heilpädagogik ist in diesem Sinne eine lebendige, forschende Haltung, die sich kontinuierlich weiterentwickelt und sich an der Würde des Menschen orientiert – nicht an Dogmen.
Leitgedanke
Der oft zitierte Ausspruch von Rudolf Steiner bringt diese Haltung in verdichteter Form zum Ausdruck:
„Das Schöne bewundern,
Das Wahre behüten,
Das Edle verehren,
Das Gute beschliessen;
Es führet den Menschen
Im Leben zu Zielen,
Im Handeln zum Rechten,
Im Fühlen zum Frieden,
Im Denken zum Lichte;
Und lehret ihn vertrauen
Auf göttliches Walten
In allem, was ist:
Im Weltenall,
Im Seelengrund.“